REZZO SCHLAUCH

Parl. Staatssekretär a.D.

16. Oktober 2006 Stuttgart
Rezzo Schlauch, Parlamentarischer Staatssekretär a.D.
Abendveranstaltung bei Dr. Offner Milde und Partner, Outplacement Berater

Deutschland ist besser als sein Ruf
(bei den Deutschen)

Meine verehrten Damen und Herren,

gerade läuft in den Kinos ein Film, der uns an diese wundervollen Tage des Sommers erinnert, in denen die Welt bei uns zu Gast war, und in denen ein schwäbischer Messias eine junge Truppe talentierter, aber weitgehend unerfahrener Kicker in ungeahnte Höhen führte und ein Land in Jubeltaumel versetzte. Deutschland, ein Sommermärchen, Sie alle wissen, wovon ich spreche.

Die Welt war zu Gast in einem Land, das mit sich selbst im Reinen war, sich und die Welt mochte und mit offenen Armen begrüßte. Ein Land, in dem man gut essen konnte, in dem alles bestens organisiert war, in dem technologisch und ökologisch alles auf einem sehr hohen Standard war, in dem es den gastfreundlichen und fröhlichen Leuten gut ging. Die meisten waren gesund und wohlgenährt, parlierten mit ihren Gästen in Englisch und verbrüderten sich nach den Spielen mit ihnen. Die Sanitäter waren immer pünktlich zur Stelle, das Verkehrssystem funktionierte einwandfrei, die Besucher konnten in schönen, modernen Städten in netten Biergärten sitzen und Kontakte zu Menschen aus aller Welt finden. Kurz: Es war ein Sommermärchen, ein Traum, etwas, das es nur im Film gibt.

Ach, sagt man sich wehmütig, wenn man aus dem Film kommt und aus dem Traum erwacht, wäre das doch alles real!

Wäre Deutschland doch wirklich so wie in diesem Traum, aber, meine Damen und Herren, Sie und ich, wir sind ja Leser der Wirtschaftsseiten, wir hören die Ansprachen unserer Bundespräsidenten und Bundeskanzlerinnen, wir lesen die Kommentarspalten unserer wichtigen Zeitungen, wir kennen die Umfragen unter den deutschen Wirtschaftlenkern und Wirtschaftsexperten, wir wissen: die Realität, ja die sieht anders aus, meine Damen und Herren, die Wirklichkeit ist finster in Deutschland.

Leider ist Deutschland ein Sanierungsfall, ein abgestiegener Superstar, ein Land am Abgrund, das dringend einer „Rettung“ bedarf, das auf dem Weg zum „Minimum“ ist. Ein kollabierender Wirtschaftszwerg mit lauter roten Laternen in der Hand, mit Unternehmen, die von ihren Mitarbeitern und dem Staat ausgeplündert werden, eine Industriewüste aus frühverrenteten und schwer vermittelbaren Arbeitslosen mit Kindern, die im Pisa Test von den Finnen gedemütigt werden, und mit Potemkinschen Schein-Firmen, die in einer „Basarökonomie“ ihre woanders hergestellten Produkte austauschen.

Ein sterbendes Volk, ein untergehendes Land. Das ist die Wahrheit, meine Damen und Herren, alles andere ist doch Augenwischerei, nicht wahr?  

Aber, da wir ja heute hier einen netten gemütlichen Abend verbringen und uns nicht schon wieder mit der allzu garstigen Realität beschäftigen wollen – schließlich wartet die ja schon morgen wieder in der Zeitung auf uns – bleiben wir doch noch einen Moment im Märchen, träumen wir noch ein wenig weiter. 

Stellen wir uns ein Land vor, das eine beispiellose Zeit des Wohlstands, der Freiheit und der Kreativität erlebt.

Stellen wir uns vor, der Lebensstandard in diesem Traumland wäre einer der höchsten der Welt, kaum jemand müsste hungern, das Gesundheitssystem sorgte jedes Jahr für eine ansteigende Lebenserwartung, es gäbe soviel Kultur wie kaum sonst wo in der Welt und die meisten Menschen wären integer und nicht korrupt. Sie würden Patente anmelden und erfinden was das Zeug hält, sie würden Dinge herstellen und Dienstleistungen anbieten, die man in der ganzen Welt schätzte und begeistert kaufen würde. Die Leute würden so viel durch die Welt reisen wie kaum ein anderes Volk und die Nachbarn würden ein solches Land mögen und in großer Zahl besuchen.

Nun, meine Damen und Herren, genug davon, jetzt denken Sie der Schlauch, kaum ist er raus aus der Politik, da wird er zum Märchenonkel. Doch vielleicht haben Sie auch gedacht, ich kenne dieses Land, irgendwoher, vielleicht bin ich da schon mal gewesen?

Ich glaube, Sie wissen, wovon ich rede. Manchmal fragt man sich schon, welche der beiden Beschreibungen, die ich Ihnen gerade geliefert habe, der Realität in Deutschland näher kommt. Sie sollten mich nicht falsch verstehen, selbstverständlich müssen wird in diesem Land noch einiges verändern und verbessern, aber das ist schließlich Alltag in einer demokratischen Gesellschaft, die sich in globalem Zusammenhang und in einer Zeit großer technologischer, ökologischer und kultureller Veränderungen bewegt.

Wer einmal einen Schritt zurücktritt und den historischen und globalen Vergleich wagt, der kann gar nicht anders, der muss Deutschland als gigantische Erfolgsgeschichte bewerten. Wirtschaftlicher Wiederaufbau und gesellschaftliche und kulturelle Modernisierung nach der katastrophalen nationalsozialistischen Verirrung, die Verarbeitung der Vergangenheit, die Wiedervereinigung, die europäische und globale Integration; all dies sucht seinesgleichen. 

Nun sage ich das nicht um einen neuen fahnenschwenkenden und hymnensingenden, emotionalen Vaterlandsstolz einzuklagen, wie es so viele Alt- und Neunationalisten im Fahrwasser der WM-Euphorie nun tun.

Es ist ja gerade das bescheidene, abgeklärte, multikulturelle, weltoffene, demokratische, europäisch integrierte, nicht-nationalistische, global verantwortliche Deutschland mit dem wir zufrieden sein können, in dem wir uns wohlfühlen und auf das wir auch durchaus stolz sein können.

Und man könnte doch auch mit der wirtschaftlichen Leistung des Landes zufrieden sein:

Der Lebensstandard ist nach wie vor hoch, das Wachstum ist langsamer als früher aber immer noch stetig und wir wachsen auf sehr hohem Niveau, das Bruttosozialprodukt ist eines der höchsten der Welt, die Leute sind in der Regel gut ausgebildet und deutsche Produkte werden uns auf den Weltmärkten aus den Händen gerissen.

Doch gerade  aus den Zimmern der Wirtschaftseliten schallt die Klage seit Jahren am lautesten, das Land verliere den Anschluss, sei in einem beklagenswerten Zustand, staatsgläubig und marode, für Unternehmer und Investoren nicht mehr interessant, in Gefahr ökonomisch abzustürzen.

Meine Damen und Herren, es gibt durchaus Bürger in diesem Lande, die Anlass  zur Klage hätten. Am unteren Rande der Gesellschaft gibt es viele, die im härter gewordenen Wettbewerb der globalen Märkte keine Chance mehr haben, ihre Jobs und ihren Lebenssinn verlieren, deren Fähigkeiten sich immer schneller entwerten, die in Gefahr sind dauerhaft aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Wenn diese Menschen eine Verschlechterung ihrer Lage in Deutschland sehen und Kritik üben: d’ accord, darüber müssen wir reden.

Aber, meine Damen und Herren, in den Chefetagen der Großunternehmen, bei den Wirtschaftsverbänden, unter Anlegern und in weiten Teilen des Mittelstandes, hat man da wirklich Anlass zur Klage? Hat man da Anlass zu apokalyptischen Bildern und Fünf vor Zwölf Reden? Die Unternehmensgewinne rasen jedes Jahr von Rekord zu Rekord, Deutschland ist jedes Jahr wieder weltbestes Exportland, die Vermögen der Eigentümer steigen und steigen, ich bitte Sie, wie sollen wir denn reden, wenn es einmal nicht so gut läuft? 

Deutschland ist besser als sein Ruf, das ist mein Thema, doch eigentlich müsste es heißen: Deutschland ist besser als sein Ruf bei den Deutschen. Denn von internationaler Seite, von Wirtschaftspresse und Investoren, von amerikanischen Unternehmern und Anlegern, von Handelspartnern aus aller Welt hört man fast immer nur Gutes über Deutschland.

Über Deutschland als Land, und auch über Deutschland als Wirtschaftsstandort. Man lobt dann regelmäßig die gute Infrastruktur, die motivierten und gut ausgebildeten Mitarbeiter und den hohen Stand der Technologie hierzulande. Es sind die Deutschen selbst, die nicht an sich glauben, allen voran die Interessensvertreter ihrer Wirtschaft.

Nur ein Beispiel: Der Journalist Andreas Hoffmann zitierte in der Süddeutschen Zeitung vom 16. September eine Untersuchung, aus der auch Horst Köhler, unser geschätzter Bundespräsident gerne zitiert: Danach ist in einem Vergleich der Steuersysteme von 104 Ländern das deutsche Steuersystem in einem Ranking auf dem glorreichen 104. Platz gelandet. Schlechter also als die Steuersysteme von Bangladesch, Simbabwe, Nigeria und Äthiopien.

Mein lieber Mann, denkt man sich und atmet durch, so schlimm steht es um uns!

Das schlechteste Steuersystem der Welt, und das sagt uns der Bundespräsident, der ja schließlich Volkswirt und ehemaliger Weltökonom ist. Der muss es doch wohl wissen! Und dann klärt uns der  Autor dieses wunderbaren Artikels auf. Die betreffende Studie wurde vom World Economic Forum erstellt und beruhte auf den Aussagen von einigen Dutzend Führungskräften aus Unternehmen der betreffenden Länder selbst. Für Deutschland hatten 70 Führungskräfte aus deutschen Unternehmen gesprochen. Sie haben uns zum 104. gemacht, weit abgeschlagen hinter Ländern ohne Kanalisation, Sozialsysteme und höhere Bildungseinrichtungen. Trotzdem, ganz klar: Nach Einschätzung unserer Wirtschaftslenker liegen die im Standortwettbewerb klar vorn!

Am liebsten ist es mir dann, wenn von Vertretern international operierender und erfolgreicher Unternehmen die übliche Pauschalkritik an „der Politik“ geübt wird.

Die Politik schaffe es ja nicht oder nur viel zu langsam, die Bedingungen in Deutschland in ausreichendem Maße unternehmens- und investitionsfreundlich zu gestalten.

Willkommen in der Demokratie, möchte man doch diesen (wenigen) Damen und (fast ausschließlich) Herren zurufen! Einen unverkrampften Patriotismus wünschen sie sich alle, aber wofür steht denn die Fahne, die man nun wieder schwenken darf und soll? Sie steht für Freiheit und Demokratie und nicht nur für einen optimalen Verwertungsstandort. Ob es den Führungskräften der Wirtschaft nun gefällt oder nicht, in der Politik reden nun mal alle mit, das ist Demokratie. Da wird debattiert bevor entschieden wird, da müssen Mehrheiten gefunden werden und die Macht ist auf vielen Ebenen verteilt. Ist Demokratie also ein Standortnachteil? Soweit möchte wohl dann doch keiner gehen, auch wenn man natürlich im diktatorischen China exzellente Investitionsbedingungen vorfindet.

Aber vielleicht sollte doch einmal einer unserer Top Manager die Dinge hier in die Hand nehmen? Einer wie der Herr Zetsche oder der Herr Kleinfeld, oder die Herren von Allianz oder Deutscher Telekom! Einfach einmal mit strategischem Weitblick Top Down alles regeln, das wird dann schon für alle das Beste sein. Allerdings müssten die Herren wenn sie in die Chefetage der Gesellschaft wechseln noch etwas lernen. Man kann die Opfer der eigenen Fehler nämlich dann nicht mehr woanders, sprich bei Staat und Solidargemeinschaft abladen, wie man es noch als Großunternehmen so gerne getan hat.

Man wäre plötzlich für die Leute verantwortlich, kann sie nicht mehr an die sozialen Sicherungssysteme weiterreichen, um dann in der nächsten Pressemitteilung wieder kräftig über deren Kosten herzuziehen. Das ginge dann nicht mehr.

Als Top Manager Deutschlands würde es auch schwieriger, in Zeiten von Rekordgewinnen einfach so die eigenen Gehälter um sechsstellige Summen zu erhöhen, während man Tausende Mitglieder schlicht nach Hause schickt. So etwas verzeiht man Politikern selten, die übrigens in der Regel gar keine sechsstelligen Summen verdienen, geschweige denn Erhöhungen in dieser Ordnung zu erwarten haben.

Nun möchte ich aber nicht in den entgegengesetzten Fehler verfallen und der pauschalen Politikverachtung eine pauschale Anklage der deutschen Wirtschaft entgegensetzen. Ich weiß sehr gut, dass es in den Hundertausenden kleinen und großen Betrieben und Unternehmen in Deutschland viele verantwortungsvolle Leute gibt, insbesondere bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Bei den meisten von ihnen ist die Kritik an der Politik auch nicht pauschal, sondern sachlich und moderat, so wie es legitim und auch berechtigt ist. Hier weiß man natürlich auch, warum in Deutschland Steuern gezahlt werden und was man an der deutschen Infrastruktur hat. Und ich weiß natürlich, dass es auch bei den großen Unternehmen viele gibt, die verantwortungsvoll mit ihren Mitarbeitern umgehen, die sich gesellschaftlich engagieren und politische Vernunft zeigen.

Und vor allem weiß ich, dass es für viele Unternehmen auch härter geworden ist, im Wettbewerb zu bestehen. Der Kunde und Konsument belohnt gnadenlos den Niedrigpreis und schert sich bei seiner Kaufentscheidung kaum darum, ob seine Wahl vielleicht den Nachbarn den Arbeitsplatz kostet. Und der Renditedruck auf die Unternehmen von Seiten der Eigentümer und Anleger, der Investoren und Analysten ist dramatisch angewachsen.

Für die Manager ist es also auch nicht leichter geworden. Auch mit einer Heuschreckenrhetorik a la Müntefering muss man vorsichtig sein, zu oft begegnen einem nun die Fälle, in denen todgeweihte Betriebe glücklich sind über die Finanzspritzen und die rettende Sanierung durch einen Investor. Und selbst Marktbereinigungsprozesse, bei denen eben auch gelegentlich Unternehmen sterben und damit Arbeitsplätze verloren gehen, sie gehören zum Lauf der Dinge.

Mit anderen Worten: die Katastrophenrhetorik über den entfesselten Kapitalismus, der allerorts über Leichen geht und das Land verwüstet, ist genauso übertrieben wie das Schlechtreden des Landes durch die Wirtschaftsfunktionäre. Nicht nur von der Wirtschaft wird ein Bild gezeichnet, nach dem in Deutschland alles in entsetzlichem Zustand sei.

Auch wenn man den Linkspopulisten in Politik und Medien zuhört, bekommt man gelegentlich den Eindruck, wir lebten in einem frühkapitalistischen Entwicklungsland ohne Recht, Ordnung und Absicherung der Menschen. Auch diesen Leuten muss man einmal eine historische und globale Erweiterung des Blickfeldes empfehlen und entschieden mitteilen: Deutschland ist besser als sein Ruf. 

Nun könnte man ja der Ansicht sein, dass der Alarmismus eben eine deutsche Mentalitätssache sei, dass wir die „German Angst“ und das große deutsche Nörgeln niemals loswerden und dass wir vielleicht sogar auch darauf ein wenig stolz sein sollten.

Vielleicht sind wir einfach so, und vielleicht erfüllt der Alarmismus eine Art Frühwarnfunktion, die genau dafür sorgt, dass die meisten Dinge hierzulande leidlich gut laufen.

Da kann ich Ihnen als Grüner der ersten Stunde ein Lied von singen, schließlich standen wir nach Ansicht der Grünen im Jahr 1980 unmittelbar vor dem weltweiten ökologischen Supergau, nur ein paar Jahre waren noch Zeit um die Welt zu retten und unsere Lebensweise musste sofort radikal umgestellt werden.

Nun, meine Damen und Herren, die ökologische Angst war damals vielleicht etwas übertrieben und beim Zeitrahmen hatten wir uns verschätzt, doch nun ist der Klimawandel da und das weltweite Umsteuern hat begonnen.

Ist das also auch bei anderen Fragen so, müssen wir immer übertrieben kritisch reagieren, damit sich überhaupt etwas tut? Ich glaube, bei Menschheitsfragen von der Tragweite ökologischer Katastrophen oder bei Krieg und Frieden, da ist ein wenig Übertreibung und Pathos vielleicht nicht immer ganz falsch.

Doch im Falle der wirtschaftlichen Selbsteinschätzung Deutschlands liegt das anders: Ein reiches und prosperierendes Land durch die eigenen reichen und prosperierenden Eliten in Grund und Boden zu reden, das ist nicht rational und nicht akzeptabel, meine Damen und Herren, und es geht auch weit über die legitime Meinungsäußerung im lobbyistischen Interessensstreit hinaus.

Denn die Auswirkungen der Katastrophenrhetorik über Deutschland sind überall zu spüren. Die Vertrauenskrise, mit der sich die Politik nun schon seit einigen Jahren herumschlägt, sie ist mittlerweile auch in der Wirtschaft angekommen. Die Deutschen, berechtigt oder unberechtigt, trauen auch der Wirtschaftselite nichts mehr zu. Und die Medien, die das Negativbild gerne verstärken, weil die schlechte Nachricht hierzulande so einen hohen Marktwert hat, auch ihr Image wird immer schlechter. Auch dem Journalisten traut der Deutsche Umfragen zufolge nicht mehr so recht.

Kürzlich wurde in Berlin der Datenreport 2006 des Statistischen Bundesamtes vorgestellt. Objektive Daten über die Lebensumstände der Deutschen im Weltdurchschnitt und die Selbsteinschätzung der Lebenssituation der Deutschen klaffen weit auseinander: Die Deutschen betrachten ihre Lebensumstände und den Wohlstand weit skeptischer als Menschen in anderen Ländern, während sie bei den objektiven Zahlen immer noch über dem europäischen Durchschnitt liegen.

Es gibt aber noch eine weitere Folge des verbreiteten Pessimismus, meine Damen und Herren, und hier möchte ich selbst einmal kurz etwas Alarmismus verbreiten: Die Zustimmung zur Demokratie nimmt ab!

Dass die ‚Demokratie in Deutschland’ die beste Staatsform ist, glaubten 2005 nur noch 38% der Ostdeutschen gegenüber 49% im Jahr 2000. In Westdeutschland war die Veränderung weniger dramatisch, aber auch hier ist dieser Anteil im gleichen Zeitraum von 80 auf 71% zurückgegangen.

Nun dachten wir doch die neuen Deutschen wären ein gereiftes demokratisches Volk, geläutert durch die Vergangenheit, ein Land dessen Fahne man gerade als europäisch denkender Demokrat nun auch schwenken kann, und ich glaube auch dass wir dieses Vertrauen weiterhin haben sollten. Dennoch, diese Zahlen, im Osten und im Westen sind bedenklich!

Die objektiven Leistungen der Politik und der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten, von anhaltender Prosperität über die ökologische und gesellschaftliche Modernisierung, den Aus- und Umbau des Sozialstaates, über die Wiedervereinigung und die europäische Integration etc., mit diesen Leistungen muss sich die Politik nicht verstecken, sie rechtfertigen keineswegs eine derartige Verschlechterung des Images der Demokratie.

Hier hat vieles mit Psychologie zu tun, mit Mediengesellschaft, Spektakelpolitik und überhöhten Erwartungen, die an die Politik herangetragen werden. Sicher hat auch der Stil einiger Politiker zum Vertrauensverlust beigetragen. Doch auch die unablässig klagenden Vertreter der Wirtschaft und auch die professionellen Vermittler der Politik in den Medien müssen sich fragen, ob sie ihren Job noch richtig tun.

Stellen unsere Medien das demokratische Verfahren mit der notwendigen Kompromissfindung noch mit ausreichender Mühe dar? Oder wird das Ergebnis demokratischer Verfahren lieber an irgendwelchen reinen Modellen gemessen, die einem selbst am besten passen würden? Wenn die dann in der Politik nicht herauskommen, dann hat sie angeblich „versagt“.

Es hat in Deutschland lange keine überwältigende  Mehrheit für eine bestimmte Politikrichtung gegeben, das Land und die Gesellschaft ist zerrissen, also muss sie mit sich selbst um Kompromisse ringen. Sie tut dies im Medium der Politik. Die Politik ist ein Spiegel der Gesellschaft.

Doch statt dieses Spiel genauer zu beschreiben mehren sich in den Medien demokratieverachtende und fast autoritäre Tendenzen. Im Spiegel vom 26.9. beschreibt der Autor Dirk Kurbjuweit die Politik im Allgemeinen. Fazit: Alle Politiker lügen systematisch, sind identitätslose Opportunisten von grenzenloser Niedertracht und Machtgier ohne jeden Wirklichkeitsbezug und ohne das geringste Interesse am Gemeinwohl. Im Anschluss beklagt der Autor, dessen Magazin von über einer Million Menschen in Deutschland gelesen wird, nach einem solchen Artikel die Demokratieverdrossenheit.

Ich könnte noch viele andere Artikel und Fernsehbeiträge mit ähnlicher Tendenz anführen (u.a. SZ 7.10. Wochenende Schwennicke). Die meisten erschienen anlässlich der Ereignisse in Ungarn und bekundeten kaum verhohlene Sympathie mit den gewalttätigen Ausschreitungen eines rechtsnationalen Pöbels. Motto: Bei uns ist alles genauso verlogen, die Ungarn haben verstanden und machen es ganz richtig. Und nachdem in solchen Meinungsbeiträge oft lange die Politik pauschal attackiert und beschimpft wird, wünschen sich die Autoren oft als Konsequenz ein autoritäreres System mit mehr Platz zum „Durchregieren“.

Meine Damen und Herren, so erklärt man Demokratie nicht, so bringt man sie in Misskredit. Woher beziehen die Menschen ihr Bild der Politik, wer schürt die willkommenen und blendend verkäuflichen Ressentiments? Die Medien müssen sich ihrer Macht bewusst werden.

Sie müssen sie ebenso verantwortlich einsetzen wie die Politiker und die Wirtschaftslenker. Ein Bild der Politik, wie es der „Spiegel“ zeichnet ist eine groteske Karikatur des Politikbetriebs und in seiner Pauschalisierung und seiner Verachtung für demokratische Prozesse neigt es zwischen den Zeilen zum Autoritären.

Nun ist zwar nicht Demokratiefeindlichkeit, aber doch ein gewisser Pessimismus für manche Bevölkerungsgruppen durchaus verständlich, höhere Armutsquoten unter Jugendlichen, mangelnde Perspektiven in vielen Gegenden, das ungelöste Problem der Massenarbeitslosigkeit; all das kann es einem schon schwer machen, tänzelnd mit einem frohen „Ich bin Deutschland“ auf den Lippen durch die Strassen zu springen. Solchen Menschen müssen wir Kritik und Pessimismus zugestehen, wir müssen uns um sie mehr kümmern. Dieses „wir“ schließt übrigens Politik und Wirtschaft ein.

Aber wie kommt es, dass auch die, denen es gut, ja blendend geht, nichts besseres zu tun haben, als in das Gejammer einzustimmen? Denn das hat der Datenreport 2006 auch gezeigt, meine Damen und Herren, die sozialen Unterschiede werden größer in Deutschland, und das nicht nur, weil unten mehr Armut herrscht, sondern auch weil oben mehr verdient wird denn je.

Anstatt zu beklagen, dass die Rahmenbedingungen für Unternehmertum und Kapital in Deutschland noch immer nicht gut genug sind, nach 2 Jahrzehnten steigender Gewinne und Vermögen, nach 2 Jahrzehnten steuerlicher Verbesserungen und der Aussicht auf weitere Steuersenkungen für Unternehmen, sollte sich die Wirtschaftselite des Landes vielleicht einmal Gedanken machen, was sie für die Abgehängten in unserem Land tun könnte, und wo ihre gesellschaftliche Verantwortung liegen könnte. 

Steuern und Abgaben sind nicht nur Kostenfaktoren, sie sind Investitionen in die Infrastruktur, die Bildung, die Forschung, den sozialen Frieden und damit in die Zukunft dieses bisher so erfolgreichen Landes. Daran müssen sich alle beteiligen.

Verantwortung zu übernehmen für die Menschen, die hier leben, das wäre ein praktizierter Patriotismus, der über den kostenslosen Stimmungspatriotismus des WM Sommers hinausgehen würde. Man kann nicht den Fahnenpatriotismus fordern und gleichzeitig in reiner kurzfristiger Renditeorientierung den Sinn und Zweck der florierenden Wirtschaft aus den Augen verlieren, nämlich ein gutes Leben für alle.    

Vielleicht wachen wir dann eines Tages auf und bemerken, dass wir tatsächlich im Sommermärchen leben, auch ohne den schwäbischen Messias.

Ich danke Ihnen.

 

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